Lange gab amerikanischer Hopfen den Ton an. Cascade, Citra, Mosaic: Namen, die für eine ganze Generation von Brauern zum Synonym für „aromatischer Hopfen“ wurden. Diese Dominanz hat natürlich Gründe. Das Klima, an der Pazifikküste zwischen Oregon und Washington, bietet perfekte Bedingungen für den Hopfenanbau: trockene Sommer, viel Sonne, vulkanische Böden voller Nährstoffe. Jahrzehntelang tat sich Europa schwer, bei der Aromaintensität mitzuhalten.
Doch Europa hat aufgeholt, und zwar schnell. In Deutschland liefert Mandarina Bavaria Zitrus- und Mandarinenaromen von verblüffender Präzision. Hüll Melon erinnert tatsächlich an frische Honigmelone, eine Sorte, die mit dem „erdigen“ Image deutscher Hopfen bricht. In Slowenien bringt Styrian Wolf fruchtige, blumige Noten, die sich vor Pazifik-Hopfen nicht verstecken müssen. Auch Frankreich hat etwas zu bieten: Barbe Rouge z.B. überrascht mit Rotfrucht-Aromen in einer hellen Ale.
Selbst die Schweiz zieht nach, mit ersten Versuchsanbauten im Seeland und in der Romandie. Noch bescheiden, aber vielversprechend. Die Schweizer Hopfenproduktion deckt nur rund 10% des Bedarfs der Schweizer Braubranche, und nur wenige Hopfengärten sind im Land registriert, die meisten davon in der Deutschschweiz. Eine überraschende Zahl für ein Land mit solch hohem Bierkonsum. Doch eine Gegenbewegung ist spürbar: Hier und dort entstehen genossenschaftliche Projekte, getragen von Brauern und Hopfenfans, die ein paar Ranken hinter ihrem Gebäude pflanzen und daraus einen gemeinschaftlichen Garten machen.
Für Schweizer Craft-Brauereien ändert das einiges. Mit europäischem Hopfen zu arbeiten bedeutet kürzere Transportwege, Unterstützung lokaler Anbauer, und Rezepte, die genauso ausdrucksstark sind wie mit ihren amerikanischen Pendants. Auch die Importkosten sinken, kein unwichtiges Argument für kleinere Brauereien.
Die Brasserie de la Meute zum Beispiel hat sich von Anfang an dafür entschieden. Sie geht sogar noch weiter. Jedes Jahr erntet die Brauerei Hopfen aus ihrem partizipativen Hopfengarten, gepflegt von Hopfenfreunden aus der Region, die ihre eigenen Pflanzen im eigenen Garten ziehen. Am Erntetag bringen sie ihre frisch gepflückten Dolden vorbei, oft noch feucht vom Morgentau. Bio-zertifiziert ist sie also nicht. Nicht wegen mangelnder Hopfenqualität. Sondern weil es schlicht absurd wäre, von jedem teilnehmenden Garten eine eigene Zertifizierung zu verlangen. Aber es erzählt etwas, das keine Zertifizierung einfangen kann: eine Gemeinschaft, die buchstäblich gemeinsam braut.
Bleibt eine offene Frage: Wird europäischer Hopfen eine Nischenalternative bleiben, oder irgendwann zum Standard in Schweizer Brauereien werden? Angesichts des Tempos, mit dem sich die Sorten weiterentwickeln, und der Energie, die Brauereien wie La Meute hineinstecken, wirkt Option zwei zunehmend wahrscheinlich.